'Selektive Empathie' & Psychopathie'
DG Fachjournal: Psyche & Dynamik
Kompakte Analysen zur angewandten Psychodynamik
verstehbar & lebensnah aufbereitet von Daniela V. Günter
Journalistische Klarheit trifft psychodynamische Tiefe
In meinem 'DG Fachjournal Psyche & Dynamik' lade ich Sie ein, hinter die Kulissen
des offensichtlichen Verhaltens zu schauen.
Als psychodynamisch orientierte psychologische Beraterin, systemische Coach und ausgebildete Journalistin ist es mir ein Anliegen, komplexe Zusammenhänge so zu vermitteln, dass sie zu Aha-Erlebnissen werden. Ein psychosozialer Eye-Opener, um sich selbst und andere tiefer zu verstehen.
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Content Note: Der Artikel thematisiert psychische Abgründe, u.a. Exekutionen im Kriegskontext
Selektive Empathie & Psychopathie
Bestandsaufnahme eines Spektrums
Selektive Empathie und Psychopathie: Zwei Schwestern aus der Familie der Abwehrmechanismen. Ein erschütternder Ritt vom alltäglichen selektiven Empathieentzug über 'Moral Disengagement' bis tief ins Flachland der Psychopathie.
Fragt man Menschen was Empathie eigentlich genau ist, erhält man erstaunlich vage Antworten. Oft wird sie mit „Mitgefühl“ oder „gutem Charakter“ gleichgesetzt. Doch diese Unschärfe wird der Komplexität unserer Psyche nicht gerecht. Die aktuelle Lehrbuchmeinung (Stand 2026) definiert Empathie als ein mehrdimensionales Konstrukt, das über das bloße „Mitleiden“ weit hinausgeht.
Empathie umfasst heute zwingend drei Säulen:
- Die affektive Empathie und Resonanz (das emotionale Mitfühlen),
- die kognitive Empathie und Perspektivübernahme (das rationale Verstehen der individuellen Situation des anderen),
- die emotionale Selbstregulation (die Fähigkeit, sich vom Leid des anderen nicht überfluten zu lassen).
Die aktuelle Forschung betont, dass Empathie kein statischer Zustand ist, sondern ein dynamischer Prozess, der maßgeblich von der individuellen Bindungshistorie und der aktuellen psychischen Belastbarkeit abhängt.
Die An- und Abschaltbarkeit von Empathie bei Stress
Historische Feldstudien, wie die von US-Oberst und Militärhistoriker S.L.A. Marshall im Zweiten Weltkrieg (bekannt für sein Buch 'Men Against Fire'), sowie moderne Nachfolgestudien belegen es: Unter extremer psychischer Belastung oder akuter Lebensgefahr wird die Kommunikations- sowie die Empathiefähigkeit vorübergehend signifikant herabgesetzt. In Momenten maximalen Stresses schaltet das Gehirn in einen Überlebensmodus, bei dem die Spiegelneuronen-Aktivität fast vollständig gedrosselt wird.
Als Betroffene rutschen wir von einem Moment auf den Anderen emotional auf ein Niveau, das rein klinisch betrachtet der Psychopathie ähnelt – mit dem entscheidenden Unterschied, dass dieser Zustand vorübergehend ist.
Sobald das Sicherheitssystem der Psyche wieder greift, kehrt die Resonanzfähigkeit zurück, sofern die psychische Belastung nicht andauernd und entsprechend schwer traumatisierend war..
So klar die Theorie, so widersprüchlich die Praxis
Wir neigen dazu, einen anderen als „empathielos“ abzustempeln, sobald er in irgendeiner Situation, für uns nicht nachvollziehbar, kalt reagiert. Dabei ist Mitgefühl selten ein statischer Charakterzug, sondern fast immer eine Frage unbewusster Selektion.
Liebe hier, Kälte dort – von Gnade und Ungnade
Kein Schwarz-Weiß-Szenario: Wenn wir merken, dass jemand einer bestimmten Person, Gruppe oder bestimmten Tieren gegenüber, situativ keine Empathie zeigt –, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass dieser Mensch grundsätzlich unfähig dazu ist.
Denken wir an Jäger oder Schlachter. Während sie bestimmten Tieren das Recht auf Leben absprechen (Kategorie: Objekt/Nutzen) und dieses Urteil auch massenhaft vollstrecken, kann die gleiche Person, die den Frischlingen am Nachmittag noch die Mutter weggeschossen hat, später im Fernsehsessel, dem Dackel (Kategorie: Subjekt/Familienmitglied) jeden Wunsch von den Augen ablesen.
Diese paradoxe Dynamik macht auch vor dem Zwischenmenschlichen nicht Halt: So kann man den eigenen Kindern gegenüber liebe- und rücksichtsvoll sein, aber dem Partner oder Stiefkindern gegenüber hasserfüllt und grenzüberschreitend.
Die Fähigkeit zur Empathie ist hier grundlegend da, worauf wir sie projizieren und wem wir sie vorenthalten entscheiden wir auf unserem inneren Richterstuhl.
Empathieentzug als destruktive Gefühlsregulation
Doch warum fällen wir manchmal so harte Urteile, meist ohne uns darüber bewusst zu sein? Oft geht es bei diesem Entzug der Empathie um eine Art unbewusste Bestrafung. Die Art und Weise der anderen triggert und ärgert uns, lässt uns irgendwie schlecht fühlen. Ein genauso brutaler wie meist unbewusster Schutzmechanismus der Psyche ist hier die berühmt berüchtigte Dehumanisierung (das unbewusste Absprechen menschlicher Qualitäten und des Wertes beim Gegenüber), um unser eigenes Selbstbild vor Kränkungen zu schützen. In extremer Form zeigt sie sich in Kriegen.
Wenn die Logik der Psyche Kindermorde zu 'Barmherzigkeit' macht
Wie weit diese selektive Wahl der Empathie gehen kann, zeigt die Dokumentation „Ganz normale Männer“ über das Hamburger Polizeibataillon 101. Normale Familienväter, Bäcker, Postboten und Handwerker standen 1942 vor dem Befehl, jüdische Familien im Wald zu exekutieren. Getrieben von Gruppenzwang und der Angst vor sozialer Isolation, blieb die Mehrheit im Einsatz.
Am Morgen des 13. Juli 1942, vor dem Massaker in Józefów trat Major Trapp vor seine Männer und stellte ihnen – sichtlich bewegt und mit Tränen in den Augen – frei, nicht an der Exekution teilzunehmen.
Er sagte sinngemäß, dass diejenigen der älteren Männer, die sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlten, vortreten könnten. Es ist historisch belegt, dass nur etwa ein Dutzend von etwa 500 Männern dieses Angebot sofort annahmen, ohne dass ihnen (wie sie befürchtet hatten) unmittelbare drakonische Strafen drohten.
Obwohl der Truppenführer Trapp den Ausstieg explizit erlaubt hatte, blieb die überwältigende Mehrheit dabei – nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Angst vor der sozialen Abwertung durch die Kameraden.
Vor der Durchführung der Erschießungen griff eine extreme Form der kognitiven Dissonanzreduktion:
Um das Unerträgliche vor sich selbst zu rechtfertigen, erfand die Psyche einen Ausweg: die 'Retter-Lüge'. Soldaten gaben später an, sie hätten gezielt die Kinder zuerst erschossen, um ihnen das Schicksal zu ersparen, ohne Eltern hilflos zurückzubleiben – die totale Perversion der Empathie.
Man „rettete“ das Kind, indem man es ermordete. Die Empathie galt hier ausschließlich der eigenen psychischen Entlastung, um das Bild des „anständigen Mannes“ zu wahren statt an der Situation seelisch und moralisch vollständig zu zerbrechen.
Moral Disengagement (nach Bandura): Das gefährliche Zwischenglied auf dem Spektrum
Während die selektive Empathie unseren Alltag reguliert und die Psychopathie eine strukturelle Leere ist, beschreibt Moral Disengagement (die moralische Entkoppelung), wie eine gesunde Psyche ihre Empathie aktiv 'wegschalten' kann. Forensisch betrachtet müssen diese Täter keine Psychopathen sein – ihre Empathie-Hardware ist intakt. Doch durch Mechanismen wie die Dehumanisierung oder die moralische Rechtfertigung, wie beim Bataillon 101, wird die Empathie so radikal umgeleitet, dass das Ergebnis nach außen hin von einer klinischen Psychopathie nicht mehr zu unterscheiden ist.
Sinnbild der emotionalen Wüstenlandschaft der Psychopathie. Wo andere Menschen einen dichten Wald aus Gefühlen (Angst, Liebe, Reue etc.) und Werten haben, herrscht hier eine fruchtlose Einöde.
Psychopathie: Innere Leere und emotionale Flachheit
Wie die forensische Psychiaterin und Gutachterin Nahlah Saimeh sinngemäß erklärt habe das Böse gesellschaftlich ein falsches Image:
So unterstellten wir dem Bösen Tiefe und Komplexität, während es in Wahrheit vor allem eines sei: flach. Dem Bösen fehle es an jeglicher Tiefe.
Obwohl das Wüsten-Bild die subjektive Leere einfängt, ist es wichtig zu bedenken, dass Psychopathie nach außen hin oft das genaue Gegenteil ist: Viele Betroffene wirken extrem lebendig, charmant und charismatisch, um ihre Ziele zu erreichen. Das Bild zeigt also das Innere, nicht die äußere Erscheinung der Psychopathie.
Der Komplettausfall der Empathie
Um die Psychopathie klinisch greifbar zu machen, nutzt die moderne Psychologie die Skala nach Robert D. Hare (PCL-R). Hierbei wird ein spezifischer Psychopathie-Score errechnet, der auf 20 Kernkriterien basiert. Dazu gehören unter anderem:
- Glatte Fassade und oberflächlicher Charme
- Massiv übersteigertes Selbstwertgefühl
- Pathologisches Lügen und manipulatives Verhalten
- Mangel an Angst, Reue, Schuldgefühlen und Empathie
- Parasitärer Lebensstil und mangelnde Verhaltenskontrolle
In der Diagnostik zeigt sich: Während neurotypische Menschen bei starkem Stress Empathie kurzzeitig „abschalten“, ist die Psychopathie durch eine dauerhafte, strukturelle Abwesenheit affektiver Resonanz gekennzeichnet. Besonders bei der traumabedingten Entwicklung von Psychopathie ist Dissoziation der zentrale Mechanismus – das radikale unbewusste Abspalten der Fühlfähigkeit.
In der Soziologie nannte man das früher "Verrohung".
In der modernen Psychologie nennt man es "sekundäre Psychopathisierung".
Beide Begriffe beschreiben den Prozess, wie aus einem über die Maßen verletzten Kind ein gewissenloser Erwachsener wird.
Dabei muss auch die neurobiologische Komponente berücksichtigt werden: Man weiß heute, dass es eine genetische Prädisposition für eine „niedrige Furchtsamkeit“ (Low Fear"-Modell) gibt. Das Gehirn reagiert dann von Natur aus weniger auf Strafe oder Stress. So lernen betroffene Kinder nicht durch Bestrafung, weil ihr Körper keine Angst-Reaktion zeigt, wenn ihnen Konsequenzen angedroht werden.
Psychopathie ist, sofern keine mechanischen Hirnschäden vorliegen, zum Teil das Resultat unvorstellbarer Lebensereignisse und subjektiven Leidensdrucks in der Kindheit – die vorgeburtliche Phase eingeschlossen.
Wiederkehrende Faktoren bei der Entstehung von Psychopathie sind – oft in Kombination:
- Körperliche und psychische Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Verwahrlosung (neglect)
- Suchtkranke Eltern (Alkoholismus oder andere Drogensucht)
- Psychische Erkrankungen der Eltern
Wie schon Existenzialisten wie Jean Paul Sartre beschrieben haben: Menschliches Leidempfinden ist hochindividuell und entzieht sich der Vergleichbarkeit. Das Leid von Kindern, die in derart präkeren Verhältnissen aufwachsen müssen, kann von Außen nie ermessen werden. Die Forschung zu transgenerationalen Traumata zeigt, wie tiefgreifend und unsichtbar diese Wunden sind
Würde es nicht viel eher von eingeschränkter Empathiefähigkeit zeugen, wenn man behauptet: „So schlimm kann es nicht gewesen sein.“? Wer den eigenen Begriff von Leid auf andere überträgt wird der Sache nicht gerecht. Auch emotionales Leid ist ein riesiges Spektrum. Um psychisch zu überleben, haben betroffene Kinder sich von der eigenen Fühlfähigkeit abgeschnitten. Das Tückische:
Die Psyche kann in diesen Fällen das Fühlen nicht mehr selektiv unterbrechen, sondern kappt es als „Generalschlag“. Alles oder nichts.
Zudem entzieht sich dieser Schutzmechanismus der bewussten Beeinflussung und führt zu einer Art dauerhaften "Anpassungsreaktion" an unerträgliche Lebensumstände, die als tendenziell irreversibel gilt.
Wer sich an Schutzbefohlenen vergeht, trägt eine Verantwortung, die weit über die Zerstörung der Kindheit hinausgeht: Sie erschaffen Menschen, die gewissenlos und ohne die Fähigkeit zu Selbst- oder Fremdmitgefühl durch ein vielleicht 60- oder 70-jähriges Leben gehen und dabei unermesslichen Schaden und seelische Verwüstungen anrichten, die wie ein ansteckendes Feld der Empathielosigkeit wirken.
Fazit
Während selektive Empathie ein alltägliches, meist unbewusstes psychologisches Werkzeug zur Regulation von Beziehungen und Selbstwert ist, bildet das Moral Disengagement (nach Bandura) das gefährliche Zwischenglied: Es erlaubt einer strukturell gesunden Psyche, moralische Standards aktiv zu entkoppeln und Empathie gezielt „abzuschalten“. Am Ende dieses Spektrums steht die (sekundäre = vornehmlich traumabedingte) Psychopathie als eine irreversible, strukturelle Fehlanpassung an extreme traumatische Lebensumstände, bei der die Fähigkeit zur Empathie (affektiven Resonanz) nicht nur dehnbar, sondern dauerhaft abgespalten ist.
Drei Fragen zur Reflexion
- In welchen Beziehungen setzen Sie selektive Empathie als unbewusste „Währung“ oder Strafe ein?
- Wo stülpen Sie anderen Ihre eigene Gefühls-Schablone über, statt deren echten Erlebnisrahmen zu suchen?
- Ist es emotional entlastend, die Kälte eines anderen als Resultat einer lebensnotwendigen Dissoziation (Abspaltung) zu verstehen?
Persönliche Begleitung
Das Erkennen alltäglicher selektiver Empathie bietet eine enorme Chance für die Persönlichkeitsentwicklung (in einem Rahmen außerhalb der Heilkunde). Wenn Sie spüren, dass hier auch für Sie ein Schlüssel zu mehr Gelassenheit liegen könnte, lade ich Sie ein, das gemeinsam zu beleuchten. Ich biete dafür ein: kostenfreies Orientierungsgespräch. In einem ersten Kennenlernen klären wir unverbindlich, ob und wie ich Sie in einem Coaching oder mit einer psychologischen Beratung unterstützen kann.
Quellen & Vertiefungen (Stand 2026)
- Hare, R. D. (2023 Update): PCL-R: Hare Psychopathy Checklist-Revised. (Standard-Testverfahren zur Diagnose von Psychopathie).
- Saimeh, N. (2021): Das liebe Böse. (Forensische Analyse der „emotionalen Flachheit“ bei Tätern).
- WHO (2026 Update): ICD-11, Kapitel 06. (Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen und Dissozialität).
- Decety, J. (2025 Update): Das soziale Gehirn. (Neurobiologische Trennung von Empathie und Moral).
- Blair, R. J. R. (2025 Update): Der Psychopath: Emotion und das Gehirn. (Belege für verminderte Amygdala-Reaktivität).
- Lykken, D. T. (2024 Update): Die antisozialen Persönlichkeiten. (Grundlagen der „Low Fear“-Hypothese).
- Van der Kolk, B. (2024): Das Trauma in dir (The Body Keeps the Score). (Zentralwerk zu Trauma und Dissoziation).
- Bandura, A. (2016): Moralisches Desengagement. (Theorie zur aktiven Abschaltung von Moral und Empathie).
- Browning, C. R. (2023): Ganz normale Männer. (Analyse von Gruppenzwang und kognitiver Dissonanz in Extremsituationen).
- Marshall, S. L. A. (1947): Männer im Feuer. (Historische Untersuchung zur Empathiehemmung im Gefecht).
- Sartre, J.-P. (1943): Das Sein und das Nichts. (Philosophische Begründung der Einzigartigkeit des Leids).
Text und Redaktion: Daniela V. Günter
Bitte beachten Sie: Mein Angebot ist eine beratende psychologische Tätigkeit außerhalb der Heilkunde, Disclaimer hier lesen.