'Transgenerationale Kriegsfolgen'

DG Fachjournal: Psyche & Dynamik 

 Kompakte Analysen zur angewandten Psychodynamik  

verstehbar & lebensnah aufbereitet von Daniela V. Günter

Daniela V. Günter: Ihre Expertin für Persönlichkeitsentwicklung & systemisches Coaching in Berlin Alt-Tegel und Online.

Journalistische Klarheit trifft psychodynamische Tiefe

In meinem 'DG Fachjournal Psyche & Dynamik' lade ich Sie ein, hinter die Kulissen
des offensichtlichen Verhaltens zu schauen.

Als psychodynamisch orientierte psychologische Beraterin, systemische Coach und ausgebildete Journalistin ist es mir ein Anliegen, komplexe Zusammenhänge so zu vermitteln, dass sie zu Aha-Erlebnissen werden. Ein psychosozialer Eye-Opener, um sich selbst und andere tiefer zu verstehen.

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Content Note: Der Artikel thematisiert u.a. Vergewaltigungen und Kriegsgewalt

Kriegstrauma & Schattenarbeit: Coaching für transgenerationale Heilung. Daniela V. Günter Beratung Berlin & Online.

Transgenerationale Kriegsfolgen

Viele Frauen begleitet er noch heute: Der Kriegstrauma-Schatten  

Diese Erlebnisreportage beleuchtet die psychologischen Folgen von Kriegsgewalt an Frauen – inspiriert durch eine persönliche Begegnung in Berlin, kurz vor dem 80. Gedenktag zur Befreiung vom Nationalsozialismus. Sie thematisiert, dass die Befreiung für viele Frauen und ihre Nachfahren, gleichzeitig, eine oft übersehene, bis heute nachwirkende, meist verdrängte Traumatisierung bedeutete und wie wir heute damit umgehen können.


Eine Begegnung beim Maiglöckchenpflücken und ihre Nachwirkungen

Stellen Sie sich vor, Sie machen einen Spaziergang in Ihrer vertrauten Umgebung. Plötzlich begegnen Sie einer alten Dame, deren Lebensgeschichte Sie unerwartet mit den dunkelsten Kapiteln der Vergangenheit konfrontiert. So erging es mir kürzlich in Berlin, als ich eine 88-jährige Frau traf, die gerade dabei war, einige süß duftende Maiglöckchen zu pflücken, die sie so liebe. Darüber ins Gespräch gekommen, fing sie bald an mir, wie aus der Luft gegriffen, von den Gräueltaten der Roten Armee in der Nachkriegszeit zu erzählen. Von massenhaften Vergewaltigungen an Frauen in den Kellern des zerbombten Berlin gegen Kriegsende,  die sie selbst als Kind miterlebt hatte. Sie sei 8 oder 9 Jahre alt gewesen und hätte alles mit anhören müssen, zusammen mit den anderen Kindern, die nach oben zum Spielen geschickt worden seien.

Die Unfassbarkeit der Taten

Ich hatte schon vorher von diesen Vergewaltigungen an den Kriegswitwen gehört. Aber nicht oft und nicht so detailliert. Diese unmittelbare Schilderung, die den Wahnsinn und die für mein Empfinden bestialische Unmenschlichkeit dieser Ereignisse so real machte, löste in mir eine unerwartete Betroffenheit aus. Obwohl ich als psychologische Beraterin und Coach schon viel Schlimmes gehört hatte und mich bereits jahrelang, aus privatem Interesse heraus, intensiv mit Kriminalpsychologie und den psychologischen Gründen und Mechanismen von Gewalt auseinandergesetzt hatte, war die Dimension der systematischen, öffentlichen Vergewaltigung als Kriegswaffe verstörend für mich und sprengte die Grenzen dessen, was in mein Menschenbild passte. Es ist eine Form der Grausamkeit, die so tiefgreifend unmenschlich erscheint, dass sie sich der normalen psychologischen Analyse, die auf individuellen Motiven basiert, teilweise entzieht.

Psychologische Erklärungsversuche

Hier spürte ich ein starkes Bedürfnis zu begreifen, wie sexualisierte Gruppengewalt an Zivilistinnen – Trümmerfrauen, Kriegswitwen und Müttern, die ohnehin durch die Zerstörungen des Krieges schwer gezeichnet waren, und zudem vor den Augen oder Ohren ihrer Kinder, überhaupt durch Menschen verübt werden konnte. 


Hilfreich war die Taten nicht als individuelles psychologisches Phänomen einzelner Täter zu betrachten, sondern als ein soziopolitisches und militärisches Phänomen, bei dem sexuelle Gewalt bewusst als Waffe eingesetzt wird und individuelle Täter Teil eines größeren, zutiefst gestörten Systems sind. Die individuelle Psyche der Täter wird hier überlagert und verzerrt durch: 
die extreme Entmenschlichung des Feindes, zur Demonstration von Macht und im Zuge einer pervertierten Gruppendynamik bei zusammengebrochener Befehlsdisziplin sowie durch Kriegsgräuel selbst traumatisierte Täter.

Sekundäre Traumatisierung durch Schreckens-Schilderungen und ein guter Umgang damit

Als ich die alte Frau am nächsten Tag erstaunlicherweise erneut zufällig traf, erzählte ich ihr, dass mich ihre Schilderung nachhaltig beschäftigt und auch belastet hatte und ich dieses Erlebnis gerade durch das Schreiben eines Artikels verarbeitete, um die, wie wir in der Psychologie sagen, sekundäre Traumatisierung, zu bewältigen.

Im Laufe unseres Gesprächs offenbarte sich ein weiteres tragisches Detail: 
Die Mutter der alten Dame war ebenfalls Opfer von Vergewaltigung durch die russische Armee in der Nachkriegszeit geworden. Interessanterweise nahm die 88-Jährige selbst ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber jungen Männern oder Männern in Gruppen an sich wahr, auch heute noch; beim Bahnfahren oder auf öffentlichen Plätzen meide sie Männer und Männergruppen ängstlich. Sie habe dieses Gefühl jedoch nie mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit oder dem Schicksal ihrer Mutter in Verbindung gebracht. Erst durch unser Gespräch öffnete sie sich für diese Überlegungen, wollte diese Verbindung aber auch gleich wieder verwerfen, da die 1937 geborene Berlinerin, Verdrängung als bestes Mittel sah, um nicht von der Vergangenheit belastet zu werden.

Die Kluft der Generationen und die Bedeutung des Hinsehens – 80 Jahre danach

Aus heutiger psychologischer Sicht, die sich stark von der kaum vorhandenen psychologischen Perspektive der damaligen Zeit unterscheidet, ist Verdrängung jedoch keine langfristig heilsame Strategie. Vielmehr braucht es ein mutiges Hinsehen, ein Hinfühlen, ein Anerkennen und eine würdigende Auseinandersetzung mit dem erlebten Leid in seinem möglichst vollen Ausmaß, um innerlich davon frei zu werden. Psychische Belastungen, die über Jahrzehnte unverarbeitet im System, meist im Unbewussten, zirkulieren, finden ihren Ausdruck nicht selten in psychosomatischen Beschwerden oder manifestieren sich in charakterlichen Ausprägungen wie beispielsweise Misstrauen, Argwohn, Bitterkeit oder großer Ängstlichkeit.

Die Begegnung zwischen mir, einer 44-Jährigen, die sich intensiv mit Psychologie beschäftigt, und der alten Dame, die in einer Zeit aufgewachsen ist, in der psychologische Betreuung im heutigen Sinne gar nicht existierte und psychische Auffälligkeiten primär der “Irrenanstalt” zugeschrieben wurden, verdeutlicht die große Generationslücke in Bezug auf das Verständnis und den Umgang mit Trauma. Dies zeigt sich auch 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, deren Schatten in Form von dysfunktionalen Persönlichkeitsakzentuierungen und transgenerational weitergegebenem Trauma mitten in die Jetztzeit hineinwirken.

"Wissender Zeuge" der Erzählung sein

Wie die amerikanische Psychoanalytikerin Alice Miller in ihrem Buch "Dein gerettes Leben - Wege zur Befreiung" darlegte, ist ein wichtiger Wirkfaktor in der Therapie und auch Beratung ein mitfühlender "wissender Zeuge" zu sein, für das Schicksal, das Erlittene des hilfesuchenden Menschen, der nun nicht mehr alleine mit der emotionalen Last ist, So können auch solche zufälligen Begegnungen wie beim Maiglöckchenpflücken mit der alten Dame, hilfreich, jedenfalls anregend sein – wenn ein offener Austausch und gegenseitige Akzeptanz für die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven möglich sind. Wenn wir uns mitfühlend mit dem Leid des Anderen auseinandersetzen, statt die Augen zu verschließen oder einfach darüber hinwegzugehen, können wir einen wichtigen Beitrag zu möglicher Heilung oder Erleichterung leisten.

Wie transgenerationales Trauma auch in Beratungs- und Coachingprozessen auftaucht

Psychotherapeuten sehen häufiger direkt, wie das Trauma der damals vergewaltigten Frauen sich auf ihre Töchter und Enkelinnen auswirkt, wie es Beziehungen, psychische Gesundheit und Lebensqualität über Jahrzehnte hinweg prägt.


Auch Klienten, die ins Coaching oder in die psychologische Beratung kommen, berichten von innerer Unruhe, Beziehungs- und Bindungsproblemen, ohne je über eine mögliche Verbindung zu den traumatischen Erfahrungen ihrer Mütter oder Großmütter nachgedacht zu haben. 


Denn die Weitergabe von Trauma geschieht oft auf subtile Weise – durch unausgesprochen gebliebene Familiengeheimnisse, familiäre Verhaltensmuster und Dynamiken und möglicherweise sogar durch biologische Prägungen im Sinne von “Zellerinnerungen”.

Wie Trauma epigenetische Veränderungen verursachen kann

Extremer Stress oder traumatische Erfahrungen können epigenetische Veränderungen im Körper einer Person hervorrufen. Diese Veränderungen können beeinflussen, wie Gene "an- oder ausgeschaltet" werden, was sich beispielsweise auf die Stressregulation, die Immunfunktion oder die Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen auswirken kann.

Die Weitergabe an die nächste Generation

Das Faszinierende und im Kontext des transgenerationalen Traumas Bedeutsame ist, dass einige dieser epigenetischen Veränderungen möglicherweise an die nächste Generation weitergegeben werden können. Das bedeutet, dass Kinder von Eltern, die schwere Traumata erlebt haben, möglicherweise bereits bei der Geburt eine veränderte biologische "Grundausstattung" in Bezug auf Stressreaktion oder Vulnerabilität aufweisen können – und das, obwohl sie das ursprüngliche Trauma selbst nicht erlebt haben.

Es erfordert Achtsamkeit und ein tiefes Verständnis für die Mechanismen transgenerationaler Traumatisierung, um diese oft unsichtbaren Fäden zu erkennen. Die Annahme, dass Ereignisse, die 80 oder mehr Jahre zurückliegen, keine Auswirkungen auf das heutige Leben haben, greift zu kurz. Trauma kann sich tief in das Familiensystem einschreiben und über Generationen hinweg fortwirken.

Was helfen kann: Das Vergangene in der Gegenwart verstehen

Zielführend ist hier die Verbindungen aufzudecken, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Es geht darum, unser heutiges Leid im Kontext der traumatischen Erfahrungen unserer Vorfahren zu verstehen oder zu erahnen, da Vieles Geheimnis blieb und von Großmüttern unausgesprochen mit ins Grab genommen wurde. So ein Erkenntnisprozess ist oft der erste und entscheidende Schritt auf dem Weg zu möglicher Besserung.

Es ist eine Herausforderung, die oft tiefes Einfühlungsvermögen und eine Auseinandersetzung mit den dunkelsten Seiten der Menschheitsgeschichte erfordert. Doch die Möglichkeit, die Schatten der Vergangenheit in unserer Gegenwart zu überwinden, ist eine zutiefst sinnvolle und heilsame Aufgabe.

Sinnvolle Fragen zur Reflexion könnten sein

  • Welche unbewussten psychischen Lasten tragen wir möglicherweise, die ihre Wurzeln in traumatischen Ereignissen der Vergangenheit haben?
  • Wie können wir ein tieferes Verständnis für die transgenerationalen Folgen von Leid entwickeln und diese ertragen und anerkennen?
  • Welche Schritte können wir unternehmen, um uns und zukünftige Generationen von den Fesseln unaufgearbeiteten Traumas zu befreien?


Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist oft schmerzhaft, aber sie kann in der Folge sehr befreiend sein. Indem wir die unsichtbaren Verbindungen erkennen und in all Ihrer Schwere aushalten und mit der gebotenen Ernsthaftigkeit würdigen, können wir beginnen, die Wunden zu heilen und einen Weg zu einer gesünderen und selbstbestimmteren Gegenwart und Zukunft zu finden. Für uns selbst, unsere Kinder und Kindeskinder. 

Einladung zur Reflexion

Möchten Sie das Thema für sich persönlich vertiefen? Manchmal tragen wir Lasten, die nicht unsere eigenen sind, aber dennoch unsere Gegenwart bestimmen. Das Erkennen dieser unsichtbaren Fäden der Familiengeschichte erfordert Mut und einen geschützten Raum. Gerne begleite ich Sie dabei, individuelle Klarheit über diese transgenerationalen Einflüsse zu gewinnen und neue Handlungsspielräume für ein selbstbestimmtes Leben im Hier und Jetzt zu erschließen.


Quellen & Vertiefung

  • Anne-Ancelin Schützenberger (1993): Aie, mes aïeux! (Oje, meine Ahnen). (Pionierwerk über das „Genosozialgramm“ und die unbewusste Weitergabe von Schicksalen über Generationen hinweg).
  • Alice Miller (1981): Du sollst nicht merken. (Hintergrund zur Verleugnung von Kindheitstraumata und der Rolle des „Wissenden Zeugen“.
  • Marianne Hirsch (2008): The Generation of Postmemory. (Fachbegriff für die Erfahrung derer, die mit traumatischen Erinnerungen aufwachsen, die nicht ihre eigenen sind, sondern die ihrer Eltern).
  • Rachel Yehuda (2016): Intergenerational transmission of trauma effects. (Wissenschaftliche Belege zur epigenetischen Weitergabe von Stressanfälligkeit bei Nachkommen von Trauma-Überlebenden).
  • Angela Moré (2013): Die unbewusste Weitergabe von Transgenerationalen Traumata.


Text und Redaktion: Daniela V. Günter

Bitte beachten Sie: Mein Angebot ist eine beratende psychologische Tätigkeit außerhalb der Heilkunde, Disclaimer hier lesen.