'Der Grand Canyon im Kopf'

DG Fachjournal: Psyche & Dynamik 

 Kompakte Analysen zur angewandten Psychodynamik  

verstehbar & lebensnah aufbereitet von Daniela V. Günter 

Daniela V. Günter: Ihre Expertin für Persönlichkeitsentwicklung & systemisches Coaching in Berlin Alt-Tegel und Online.

Journalistische Klarheit trifft psychodynamische Tiefe

In meinem 'DG Fachjournal Psyche & Dynamik' lade ich Sie ein, hinter die Kulissen
des offensichtlichen Verhaltens zu schauen.

Als psychodynamisch orientierte psychologische Beraterin, systemische Coach und ausgebildete Journalistin ist es mir ein Anliegen, komplexe Zusammenhänge so zu vermitteln, dass sie zu Aha-Erlebnissen werden. Ein psychosozialer Eye-Opener, um sich selbst und andere tiefer zu verstehen.

Wagen Sie einen Tauchgang in die verborgene Logik der Psyche ↓

Metapher für psychische Prozesse: Horseshoe Bend Grand Canyon–ein Artikel von Daniela V. Günter über neuronale Architektur.

Der Grand Canyon im Kopf 

Wenn innere Abwehr zur Architektur wird

Ein empathischer Blick auf die Generation 65+ in Coaching und Beratung, warum Persönlichkeitsentwicklung hier zur Heldenreise und manchmal vorzeitig abgebrochen wird. 

In der psychologischen Beratung und im Coaching begegnen uns in der Praxis hin und wieder auch Klienten in der Lebensphase zwischen 65 und ca. 75 Jahren, die wie eine uneinnehmbare Festung wirken oder eine beeindruckende, fast unerschütterliche innere Stabilität ausstrahlen. Sie kommen mit einem ehrlichen Bemühen, doch bereits im ersten Moment steht eine unsichtbare Spannung im Raum. Da die beratende Person oft deutlich jünger ist, taucht sie auf: die fast potenzielle Kränkung durch das Altersgefälle. 

Unausgesprochen schwingt die Frage mit, was sich dieser „Jungspund“ eigentlich anmaßt, einem Menschen mit dieser Lebensleistung etwas über das Dasein zu erklären. 


Diese Ausgangslage bedeutet ungünstige Startbedingungen, da die notwendige Öffnung für einen Beratungsprozess, der Augenhöhe braucht stattdessen als Unterordnung und damit als Schwäche erlebt wird. Doch was hier von außen betrachtet wie Altersstarrsinn oder mangelnde Flexibilität wirken kann, ist tiefer betrachtet das Überlebenszeugnis einer Generation, deren psychische Architektur unter Bedingungen geformt wurde, die viel später Geborene sich heute kaum noch vorstellen können.


Gefangen in den Furchen des Grand Canyon: Wenn Erfahrung zum Gefängnis wird

Um diese relative Unbeweglichkeit zu verstehen, hilft das Bild des Grand Canyon. Unser Gehirn ist keine statische Masse, sondern eine Landschaft, die durch die Ströme unserer Erfahrungen geformt wird. Frühe, von den Eltern eingeflüsterte oder auch eingeprügelte Glaubenssätze, starre Überzeugungen und vermeintliche Werte wie: "Reiß dich zusammen!", "Was sollen die Leute denken?" oder "Uns hat das früher auch nicht geschadet." – wirkten wie erste kleine Wasserläufe auf einem jungen Plateau. 

Über Jahrzehnte hat jeder unterdrückte Schmerz, jeder verdrängte Konflikt und jede notwendige Anpassungsleistung den Boden weiter abgetragen. 


Dieser Prozess der zerebralen "Erosion" hat die Furchen im Geist so tief in den Fels geschliffen, dass sie nach sechs oder sieben Jahrzehnten zu einer gewaltigen Architektur geworden sind. Wer diese tiefen neuronalen "Autobahnen" im Alter verlassen soll, muss quasi gegen die physikalische Strömung eines ganzen Lebens ankämpfen.

Erfahrung wird hier weniger zum Schatz, sondern zu einem Gehäuse jahrzehntelanger Erfahrung und Gewohnheit, in dessen Wände die internalisierten Grundannahmen über das Leben und wie man zu sein hat in Stein gemeißelt scheinen. Die neuronale Plastizität ist in diesem Stadium oft weniger formbar, sondern stabilisiert sich als durchbruchsicherer Schutzwall, der Sicherheit gibt. 

Psychotherapie als „Irrenanstalt“: Warum Hilfe für diese Generation manchmal eine Beleidigung ist

Diese tiefen Furchen sind nicht zufällig entstanden. Wir blicken auf eine Generation, die gezwungenermaßen in einer Welt der emotionalen Eigenregie aufwuchs. Psychotherapie war lange Zeit ein Tabu, für die "Bekloppten" oder der Elite vorbehalten; erst 1967 wurde sie zur Kassenleistung, und ein echtes Gesetz zum Schutz der Therapeuten trat sogar erst 1999 in Kraft. 

Wer heute 70 ist, musste sein seelisches Rückgrat ohne professionelle Unterstützung selbst schmieden – in einer Zeit, in der Verdrängung oft die einzige Überlebensstrategie war. 


Man wuchs im Schweigen einer traumatisierten Nachkriegsgeneration (mehr dazu hier) auf und lernte früh, dass Fühlen gefährlich sein kann. Wer überleben wollte, musste sich eine Rüstung zulegen.

Sexismus, Schläge, Schweigen: Die dunkle Normalität der „guten alten Zeit“

Diese Härte war damals Pflicht, um in einem oft gnadenlosen System zu bestehen. Man denke an die Zeit, in der Frauen im Bundestag noch offen verlacht wurden, oder an die Tatsache, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar wurde. Auch die Identität war oft rechtlos: Homosexualität galt bis 1992 offiziell als psychische Erkrankung und der berüchtigte Paragraph 175 fiel erst endgültig im Jahr 1994.

Wer in einer solchen Welt bestanden und Familien aufgebaut hat, musste lernen, die Schleusen vor der eigenen Innenwelt sicher zu schützen.

Ein Dammbruch würde alles mitreißen. Die vermeintliche Starrheit ist also kein Charakterfehler, sondern das Denkmal einer mühsam erkämpften Stabilität.

Die 10-Stunden-Grenze: Warum echte Veränderung sich wie Selbstzerstörung anfühlen kann

Diese psychische Notbremse erklärt, warum Coaching und Beratung in dieser Altersgruppe oft abrupt nach fünf bis zehn Sitzungen endet. Es ist der Punkt, an dem die Psyche spürt, dass eine weitere Öffnung das gesamte Lebensgebäude zum Einsturz bringen könnte. Die innerliche Bereitschaft zur Veränderung stößt hier an eine Grenze, an der das System signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter, sonst zerbreche ich.

Sich heute einzugestehen, dass man vielleicht Jahrzehnte lang auf brüchigen Fundamenten gebaut hat, könnte sich wie eine gewaltige Kränkung anfühlen, die einem seelischen Erdbeben gleichkommt.

Viele bleiben lieber im vertrauten Schatten des Canyons, weil das grelle Licht mancher Wahrheiten im höheren Lebensalter eine Überforderung wäre. Neue Erkenntnisse erfordern hier eine besonders behutsame Integration. Es ist kein Mangel an Willen, sondern ein notwendiger Schutz der eigenen Stabilität, der sich in den "üblichen Verdächtigen" der unbewussten Konfliktabwehrmechanismen wie etwa der projektiven Identifikation (mehr dazu hier) Ausdruck verschafft, den Beratungsprozess dann torpediert und gegebenfalls zu einem vorzeitigen Ende zwingt.

Grand Canyon im Kopf: Psychodynamische Analyse zu psychischer Abwehr der Generation 65+ von Coach Daniela V. Günter

Entlastend: Warum wir unsere Eltern nicht „retten“ müssen

Für die erwachsenen Kinder der älteren Generationen kann diese Erkenntnis eine enorme Entlastung sein. Sie erlaubt einen Blick voller beruhigend ernüchterter Empathie. Wenn wir begreifen, dass ein "Mauern" oder die empfundene "Kälte" der Eltern auch ein biologisches und historisches Phänomen ist, endet der kräftezehrende Kampf um deren Resonanz und Liebe.

Wir empfinden die Eltern  nicht mehr als allmächtige Gegner, die uns Ihre Liebe vorenthalten, sondern als Gefangene ihrer eigenen Zeitgeschichte und ihrer neuronalen Architektur. 


Wer den Grand Canyon der Eltern als das akzeptiert, was er ist – ein Monument der elterlichen Vergangenheit –, findet den Mut, sein eigenes Haus auf einem offeneren Plateau zu bauen. Es ist der Weg in die Freiheit, der damit beginnt, die Begrenztheit der anderen respektvoll stehen zu lassen, ohne sich fortlaufend daran abzuarbeiten.

Drei Fragen zur Reflexion

  1. Welche elterlichen Überzeugungen halten Sie heute noch für Ihre eigene Identität?
  2. Bewahren Sie Ihre Prinzipien aus Überzeugung oder aus Angst vor dem Einsturz Ihres inneren Gebäudes?
  3. Und können Sie die Starrheit Ihrer Eltern als deren historisches Überlebenszeugnis akzeptieren, um selbst endlich frei zu atmen?


Ihr Weg aus dem Canyon: Gemeinsam neue Perspektiven erschließen

Einsicht ist der erste Schritt, doch die Veränderung tief eingeschliffener Muster erfordert Mut und oft einen wertfreien Blick von außen. Das gilt für die Klienten selbst, aber besonders auch für deren erwachsene Kinder.

Stehen Sie im Schatten eines „elterlichen Felsens“ und suchen nach einem Weg, Ihre eigene Identität jenseits dieser eingeschliffenen Furchen zu finden? Oder gehören Sie selbst zur Generation 60+, die spürt, dass die alte Rüstung zu schwer wird? Ich unterstütze Sie dabei, aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten und neue emotionale Freiräume zu erschließen. Schauen Sie sich gerne in den Top 10 meines Coaching- und Beratungsangebotes um.

Als Systemische Coach und Psychologische Beraterin unterstütze ich Menschen dabei, Ihr Gleichgewicht zurückzugewinnen und wieder eine Haltung einzunehmen, in der sie bewusst handeln. Ich biete Ihnen für Ihren persönlichen Weg ein kostenfreies Orientierungsgespräch an. Hier können wir in einem ersten Kennenlernen unverbindlich klären, ob und wie ich Sie unterstützen kann. Herzlich willkommen!


Quellen & Vertiefung

  • Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus (Ich-Integrität vs. Verzweiflung).
  • Heinz Kohut: Die Heilung des Selbst (Theorie der narzisstischen Kränkung).
  • Gerald Hüther: Neurobiologische Erkenntnisse zur Plastizität und Verfestigung von Überzeugungen.
  • Historische Daten: Psychotherapeutengesetz (1999), StGB-Reform (§ 177, 1997), ICD-10 Revision (1992)


Text und Redaktion: Daniela V. Günter

Bitte beachten Sie: Mein Angebot ist eine beratende psychologische Tätigkeit außerhalb der Heilkunde, Disclaimer hier lesen.